Thomas Mann hat gewarnt. Reicht das?
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Mir macht die politische Entwicklung in Deutschland Angst.
Nicht jedes schlechte Zeichen bedeutet gleich eine Katastrophe, nicht jede Entwicklung ihr schlimmstmögliches Ende. Und selbstverständlich ist Deutschland im Jahr 2026 nicht die Weimarer Republik.
Trotzdem lässt mich eine Frage nicht los: Woran erkennt man eigentlich den Moment, in dem es nicht mehr reicht, nur zuzusehen?
Einer hat damals sehr früh gesprochen
Am 17. Oktober 1930 trat Thomas Mann im Berliner Beethovensaal ans Rednerpult. Die NSDAP hatte bei der Reichstagswahl wenige Wochen zuvor einen gewaltigen Stimmenzuwachs erlebt; Mann, Literaturnobelpreisträger, einer der bekanntesten Deutschen seiner Zeit, hielt seine „Deutsche Ansprache – Ein Appell an die Vernunft“ und warnte vor dem Nationalsozialismus. Rechtsradikale störten seine Rede.
Verstörend daran ist für mich heute, dass man damals wissen oder doch zumindest erahnen konnte, wie gefährlich diese Partei war. Nur wenige Wochen vor Manns Rede hatte Hitler selbst in einem Prozess erklärt, die Verfassung bestimme für die Nationalsozialisten lediglich den Boden ihres Kampfes, nicht dessen Ziel, anschließend wollten sie den Staat nach ihren Vorstellungen umformen. Sie versteckten also keineswegs ihre Beweggründe.
Intellektuelle warnten, Menschen hörten mehr oder weniger zu. Und trotzdem geschah, was geschah.
Fast hundert Jahre später
Am 6. September 2026 hat Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag gewählt. Nach (vorläufigem) Ergebnis kommt die AfD auf 43,8 Prozent und 39 der 83 Sitze, 38 der 41 Direktmandate gingen an sie; 2021 waren es noch 23 Sitze.
Auch heute warnen Schriftsteller, Juristen, Historiker und ehemalige Politiker. Die Schriftstellerin und Verfassungsrichterin Juli Zeh sagte im Juni 2026 einen Satz, der mich nachdenklich macht: Eine rechtsextreme Kanzlerin ist nicht mehr ausgeschlossen.
Und plötzlich musste ich an Thomas Mann denken. Juli Zeh ist nicht Thomas Mann, die AfD nicht die NSDAP, und Geschichte wiederholt sich nicht so einfach, zumindest ist unsere Demokratie sehr viel älter als sie es in der Weimarer Republik war.
Aber mich beschäftigt etwas anderes: eine Warnung, die ausgesprochen wird, und eine Gesellschaft, die sich davon trotzdem nicht verändern lässt.
Die falsche Vorstellung vom Anfang
Wenn wir heute auf 1933 schauen, kennen wir das Ende. Das macht uns im Rückblick klüger, als die Menschen damals sein konnten; wir sehen Bücherverbrennungen, Verfolgung, Konzentrationslager, Krieg und Millionen Tote, deshalb stellen wir uns den Anfang gern so vor, als müsse auch er bereits eindeutig erkennbar gewesen sein, als müsste irgendwann eine Sirene ertönen: Achtung, ab heute ist die Demokratie in Gefahr.
Aber Demokratien funktionieren nicht so. Es gibt keinen Monitor über dem Bett, auf dem plötzlich die Sättigung auf 72 fällt und der Alarm losgeht; das ist für mich als Ärztin sogar das beunruhigend. Manche Katastrophen kündigen sich dramatisch an, andere beginnen mit kleinen Verschiebungen, ein Wert, dann noch einer, während der Patient noch mit uns spricht, der Kreislauf noch hält, man sich jeden einzelnen Befund noch erklären kann – bis man irgendwann erkennt: Das ist kein einzelner schlechter Wert mehr, das ist ein Muster.
43,8 Prozent kann man nicht wegdiskutieren
Man kann über die Gründe sprechen, über Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, Ost und West, über eine Bundesregierung, mit der viele Menschen unzufrieden sind, über das Gefühl, politisch nicht gehört zu werden, über Fehler der etablierten Parteien.
Man muss sogar darüber sprechen, denn Millionen Menschen als dumm, böse oder verloren abzuschreiben, erklärt gar nichts. Aber ebenso wenig darf die Suche nach Erklärungen dazu führen, das Ergebnis nicht kleinzureden. Wenn eine Partei in einem Bundesland in diese Größenordnung kommt, reicht der Satz „Protestwahl“ irgendwann nicht mehr.
Dann hat sich etwas verändert.
Wahlvergleich
- Wahlvergleich 2021 vs. 2026 – eignet sich als kleine Tabelle statt Fließtext, weil hier klar verglichen wird:
| Jahr | AfD-Sitze | AfD-Zweitstimmen |
|---|---|---|
| 2021 | 23 | 20,8 % |
| 2026 | 39 von 83 | 43,8 % |
Und was mache ich (damit ist jeder BürgerIn gemeint) damit?
Ich bin Ärztin und Bloggerin, keine Politikwissenschaftlerin, keine Parteipolitikerin, ohne brillante Strategie zur Rettung der liberalen Demokratie in der Schublade – aber ich weiß aus meiner Arbeit zum Recht auf Selbstbestimmung, wie schnell Menschen aufgeben, mitzuentscheiden, wenn niemand sie daran erinnert, dass sie es dürfen.
Aber dann ist da wieder Thomas Mann. Auch er hat gesprochen, auch damals gab es Zeitungen, Parteien, Parlamente, Professoren, Schriftsteller und Menschen, die verstanden, was auf dem Spiel stand.
Warnungen allein haben die Weimarer Demokratie nicht gerettet!
Also schreibe ich. Das ist lächerlich klein, ein Blogartikel gegen eine Entwicklung, die Millionen Menschen betrifft; aber Demokratie besteht am Ende aus sehr vielen lächerlich kleinen Dingen.
Jemand widerspricht, jemand fragt nach, jemand geht wählen, jemand kandidiert für einen Gemeinderat, jemand überprüft eine Behauptung, bevor er sie weiterleitet, jemand bleibt in einem Gespräch sitzen, obwohl es unangenehm wird, jemand sagt: bis hierhin und nicht weiter. Und jemand schreibt.
Ich weiß nicht, wohin Deutschland in den nächsten Jahren geht, und auch nicht, ob wir in zwanzig Jahren auf diese Zeit zurückblicken und feststellen werden, dass unsere Sorgen übertrieben waren.
Ich würde mich darüber freuen. Aber ich möchte nicht irgendwann zurückblicken und mir eine andere Frage stellen müssen:
Ich habe es gesehen. Warum habe ich eigentlich nichts gesagt?
FAQ-Box:
Woran erkennt man, dass eine Demokratie in Gefahr ist?
Nicht an einem einzelnen dramatischen Ereignis, sondern daran, dass aus mehreren kleinen Verschiebungen ein Muster wird – vergleichbar mit Vitalwerten, die sich einzeln noch erklären lassen, in der Summe aber eine Verschlechterung anzeigen.
Was hat die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 erreicht?
Nach vorläufigem Ergebnis kam sie auf 43,8 Prozent der Zweitstimmen und 39 von 83 Sitzen – 2021 waren es noch 23 Sitze.
Was hat Thomas Mann 1930 vor der NSDAP gewarnt?
Am 17. Oktober 1930 hielt er im Berliner Beethovensaal seine „Deutsche Ansprache – Ein Appell an die Vernunft“ und warnte öffentlich vor dem Nationalsozialismus, während Rechtsradikale seine Rede störten.
Reicht eine öffentliche Warnung, um eine Demokratie zu retten?
Die Geschichte zeigt: nein. Warnungen von Intellektuellen wie Thomas Mann haben die Weimarer Demokratie nicht gerettet – entscheidend war, was Einzelne zusätzlich taten.
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