Ich war nie gut genug

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Dr Laila Schmidt, der Mensch, die Ärztin, die Mutter

Ein Liebesbrief an mich selbst

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Liebe Laila,

ich habe lange geglaubt, nicht gut genug zu sein.

Manchmal glaube ich es noch heute.

Dieser Gedanke war selten laut. Er saß eher im Hintergrund. Er meldete sich, wenn ich müde war, wenn etwas nicht gelang, wenn andere souveräner wirkten oder wenn ich das Gefühl hatte, an zu vielen Stellen gleichzeitig gebraucht zu werden.

Schon mit vier Jahren wollte ich Ärztin werden. Meine Mutter hatte mir von Albert Schweitzer erzählt. Ich hatte sofort die Kinder vor Augen, denen es schlecht ging, und dachte: Da will ich hin. Da will ich helfen.

Von Medizin wusste ich nichts. Vom Studium auch nicht. Ich kannte keine Nachtdienste, keine Hierarchien und keine Entscheidungen unter Zeitdruck. Ich wusste nur, dass irgendwo Kinder litten und dass jemand zu ihnen gehen sollte.

Ich bin gegangen.

Ich bin Ärztin geworden. Eine, die Patienten nicht auf Diagnosen reduziert. Eine, die hinsieht, wenn jemand Angst hat, auch wenn dafür gerade keine Zeit vorgesehen ist.

Vor sechzehn Jahren sagte ein Oberarzt auf der Intensivstation zu mir:

„Dir tut es sicher nicht gut, wie du dich um die Patienten kümmerst. Aber der Patient profitiert definitiv davon.“

Der Satz war Anerkennung und Warnung zugleich.

Ich habe trotzdem weitergemacht wie bisher.

Ich habe mich gekümmert. Um Patienten, um Angehörige, um Mitarbeitende. Um meine Kinder sowieso.

Als meine Töchter klein waren, wollte ich für sie da sein. Erreichbar, verlässlich, aufmerksam. Oft war ich erschöpft. Oft stellte ich mich selbst nach hinten, weil gerade jemand anderes wichtiger schien.

Heute sind sie neunzehn und zweiundzwanzig. Aus den Kindern sind junge Frauen geworden. Sie gehen ihre eigenen Wege. Ich bin stolz auf sie. Und ich versuche noch immer, da zu sein, wenn sie mich brauchen.

Dass mich diese Jahre Kraft gekostet haben, spüre ich bis heute.

Ich wurde Oberärztin. Später übernahm ich die ärztliche Leitung eines luftgebundenen Rettungsdienstes. Ich trug Verantwortung, traf Entscheidungen und stand für andere ein.

Sechsmal war ich mit Médecins Sans Frontières im Kriegseinsatz.

Ich erzähle davon meist sachlich. Ich hatte eine Aufgabe. Ich habe sie erfüllt. Große Worte liegen mir dabei nicht.

Ein jemenitischer Kollege sagte einmal zu mir:

„Du bringst kranke Kinder  und verbrannte Frauen zum Lächeln. Wenn das der Spirit von MSF ist, will ich definitiv ein Teil davon sein.“

Dieser Satz ist mir geblieben.

Ich konnte den Krieg nicht beenden. Ich konnte nicht jedes Kind heilen. Ich konnte Schmerzen lindern, ein wenig Sicherheit geben und manchmal ein Gesicht zum Lächeln bringen.

Für einen Moment wurde das Leben leichter.

Mehr lässt sich an manchen Tagen nicht tun.

Und an manchen Tagen ist das sehr viel.

In Syrien kam eine Frau zu uns. Sie hatte einen riesigen Kropf und bekam schlecht Luft. Sie lebte in einem Flüchtlingslager bei Ain Issa. In Tal Abyad konnten wir sie nicht operieren, weil wir keine planbaren Eingriffe durchführten. Eine Partnerorganisation in Qamishli hätte die Operation übernehmen können.

Fünf Stunden Fahrt.

Die Frau hatte kein Geld.

Damit hätte die Sache beendet sein können. Die medizinische Möglichkeit war vorhanden, aber für sie unerreichbar.

Ich wollte das nicht hinnehmen.

Ich setzte bei meinem Vorgesetzten durch, dass sie mit unserer eigenen Ambulanz von nach Qamishli gebracht wurde. Sie musste nichts bezahlen. Dort wurde sie operiert.

Als ich ihr die Nachricht überbrachte, begann mein Übersetzer zu weinen.

„Wow, Laila“, sagte er, „das ist einfach großartig. Du bist so ein wunderbarer Mensch.“

Dann übersetzte er es der Frau. Auch sie begann zu weinen.

Am Ende standen wir zu dritt in diesem Krankenzimmer und weinten vor Glückseligkeit miteinander.

Erst beim Aufschreiben begreife ich, was in dieser Szene liegt:

  • Ich habe einer Frau geholfen, wieder Luft zu bekommen.
  • Ich habe einen Weg gefunden, obwohl keiner vorgesehen war.
  • Ich habe mich eingemischt.

Und trotzdem war da in mir noch immer dieser alte Satz: nicht gut genug.

Liebe Laila, ich habe viel zu lange auf das geschaut, was mir nicht gelungen ist.

Ich habe meine Erschöpfung gesehen und sie gegen mich verwendet. Ich habe mich mit anderen verglichen. Ich habe von mir verlangt, weiterzumachen, obwohl ich längst müde war.

Dabei lag so vieles längst vor mir: 

  • Meine Töchter.
  • Meine Patienten.
  • Die Menschen, für die ich Wege gefunden habe.
  • Die Kollegen, die sahen, wie ich arbeitete.
  • Die Kinder, die trotz ihrer Schmerzen gelächelt haben.

Das alles macht mich nicht fehlerlos. Ich bin ungeduldig. Ich verlange viel von mir und manchmal auch von anderen. Ich habe Grenzen zu spät bemerkt. Ich habe Entscheidungen getroffen, über die ich später lange nachdachte. Ich habe mich in Arbeit gestürzt und oft geglaubt, es werde schon noch gehen.

Aber zu wenig war ich nie.

Auch in meiner Ehe nicht.

An meinem Mann beiße ich mir die Zähne aus. Ich wollte oft gehen. Ich bin geblieben. Manchmal weiß ich selbst nicht genau, weshalb.

Liebe ist noch da.

Sie löst die Schwierigkeiten nicht. Sie beantwortet auch nicht jede Frage. Sie hält uns zusammen und kostet zugleich Kraft.

Ich will mir darüber nichts vormachen. Ich liebe ihn. Diese Beziehung verlangt mir viel ab.

Beides ist wahr.

Ich habe mein Leben lang versucht, für andere da zu sein. Ich habe Verantwortung übernommen, weil ich sie tragen konnte und weil andere davon profitierten.

Dabei habe ich mich oft selbst übersehen.

Dieser Brief soll mir keine weitere Aufgabe geben.

Er soll festhalten, was geschehen ist.

Ich habe mit vier Jahren beschlossen, Ärztin zu werden, weil ich Kindern helfen wollte.

Ich bin Ärztin geworden.

Ich habe Menschen geholfen.

Ich habe zwei Töchter großgezogen.

Ich habe Verantwortung übernommen, auch dort, wo sie schwer war.

Ich habe in Kriegsgebieten gearbeitet.

Ich habe dafür gesorgt, dass eine Frau fünf Stunden weit gefahren wurde, damit sie operiert werden konnte.

Ich habe verbrannte und kranke Kinder zum Lächeln gebracht.

Ich bin geblieben, wo andere längst gegangen wären.

Und ich bin müde geworden.

Das eine hebt das andere nicht auf.

Ich bin stolz auf mich.

Dieser Satz fällt mir schwer.

Darum schreibe ich ihn noch einmal.

Ich bin stolz auf mich.

Nicht auf jede Entscheidung. Nicht auf jede Rolle. Nicht auf jeden einzelnen Tag.

Auf mich als ganze Frau.

Auf meine Beharrlichkeit.

Auf meine Wärme.

Auf meine Bereitschaft hinzusehen.

Auf meinen Eigensinn, wenn ich überzeugt bin, dass ein Mensch Hilfe braucht.

Auch auf die Stellen, an denen ich müde, ratlos und verletzlich bin.

Ich habe lange geglaubt, erst noch mehr leisten zu müssen, bevor ich mich selbst anerkennen kann.

Beim Aufschreiben sehe ich: Ich habe längst viel geleistet.

Ich war nie zu wenig.

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Dieser Brief entstand aufgrund der Blogparade von Dr Martina Riedel:

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