Wenn Arbeit als Befreiung verkauft wird

Veröffentlicht am Kategorisiert als Gesellschaft & Wirklichkeit, Persönliches Keine Kommentare zu Wenn Arbeit als Befreiung verkauft wird
arganoel-frauenprojekt-marokko

Was als Frauenförderung gilt, ist oft harte Akkordarbeit zu einem Bruchteil des Mindestlohns verkauft als Befreiung.

Verpasse nie wieder einen Blogartikel von mir: Abonniere meinen Newsletter „WochenEndMomentum“

1. Zwei Frauen, ein Hammer, ein Pflaster

Zwei Frauen sitzen in einer Frauenkooperative, die ausschließlich Frauen beschäftigt — genau das ist der Clou, mit dem sie beworben wird —, auf Sitzkissen direkt auf dem Boden, und schlagen Argannüsse auf. Acht, manchmal zehn Stunden am Tag, eine Hand hält die Nuss, die andere führt den kleinen Hammer, und an den Fingern der haltenden Hand kleben Pflaster, mehrere, übereinander, in unterschiedlichen Stadien der Verfärbung. Nicht jeder Schlag trifft nur die Nuss. Ihre Hände sind abgearbeitet, die Unterarme dagegen auffallend weich, vom Öl, das sich im Lauf der Stunden auf der Haut verteilt und abends nicht abgewaschen, sondern belassen wird — ein Nebeneffekt der Arbeit, den sich die Frauen selbst zunutze machen, während er gleichzeitig zeigt, wie viele Stunden diese Hände täglich im Öl liegen. Im Raum hängt der Geruch von Minze, Eisenkraut, Salbei, den typischen Kräutern des marokkanischen Tees, der auch uns als Gästen serviert wurde, auf ebenso bunten Kissen, nur ohne Hammer in der Hand.

Ich bin dieser Szene auf einer privaten Reise mehrfach begegnet, ländlich, an verschiedenen Stationen zwischen Wüste, Essaouira und dem Atlas — immer dieselbe Fabrikation, mit wechselnden Gesichtern, immer mit demselben Hinweisschild am Eingang: reines Frauenprojekt.

2. Die Steinscheibe, die ich selbst gedreht habe

Später im Prozess werden die Kerne zwischen zwei runden Steinplatten zermahlen, die gegeneinander gedreht werden, bis eine dicke, ölige Masse entsteht. Auch das dauert Stunden, im Sitzen, in derselben Körperhaltung, mit demselben Bewegungsradius, wieder und wieder. Ich habe selbst versucht, die Scheibe zu drehen — nicht aus Höflichkeit, sondern aus Neugier, wie schwer das eigentlich ist. Schon nach wenigen Umdrehungen spürte ich, wie sich die Anstrengung in Schultern und Unterarmen festsetzte, ein Ziehen, das nichts Symbolisches mehr hatte, sondern rein muskulär war. Zwei, drei Minuten, dann musste ich abgeben. Die Frau daneben machte weiter, wie sie es seit Stunden tat, respektive wie sie es seit Jahren tut, jeden Tag, zu denselben Bedingungen.

3. Die Erzählung vom eigenen Geld

Vor solchen Betrieben, in den Reiseführern, in den Erklärungen der Guides wird die Arganölherstellung mit sichtlichem Stolz als Frauenprojekt vorgestellt. Die Frauen verdienen eigenes Geld, heißt es, sie sind nicht mehr vollständig von Männern oder Familie abhängig. Das stimmt, und es ist, für sich genommen, ein Fortschritt — eine Frau mit eigenem Einkommen hat andere Optionen als eine ohne. So weit ist an der Erzählung nichts falsch.

Nur bleibt sie an genau der Stelle stehen, an der es interessant würde: bei der Frage, was dieses Geld sie kostet, und ob es genug ist, um von echter Unabhängigkeit zu sprechen. Eine Erzählung, die dort endet, wo die eigentliche Rechnung erst beginnt.

4. Was die Inszenierung auslässt

Die Pointe der Präsentation ist die Frau, nicht die Arbeit. Dass ausschließlich Frauen diese Nüsse aufschlagen, diese Steine drehen, wird als Errungenschaft verkauft, fast wie ein Gütesiegel. Kaum erwähnt wird, dass es sich um körperlich harte, monotone, kaum geschützte Arbeit handelt, die vermutlich nicht viele Männer freiwillig übernehmen würden, gäbe man ihnen die Wahl. Die Pflaster an den Fingern sind kein Randdetail, sie sind das, was unter der stolzgeschwellten Erzählung liegt und in ihr keinen Platz findet.

Bezahlt wird im Akkord, nicht nach Stunden — ein Detail, das selbst schon eine Aussage ist, denn Akkordlohn bindet die Frau an die Werkbank, statt sie freizustellen. Eine Untersuchung aus vier Kooperativen bei Agadir beziffert den Verdienst auf rund drei Dirham pro Stunde, teils nur fünfzehn bis neunzehn US-Cent — ein Bruchteil des marokkanischen Mindestlohns für landwirtschaftliche Arbeit. Eine Reportage der Associated Press kommt für manche Kooperativen auf ähnlich niedrige Werte. Für hundert Milliliter des fertigen Öls habe ich selbst über zwanzig Euro bezahlt, im Laden direkt neben der Werkbank, an der die Frau saß, die es für Cent-Beträge hergestellt hatte.

Zwischen diesen beiden Zahlen liegt keine Randnotiz, sondern die eigentliche Geschichte: Die Frau, die angeblich befreit wird, bleibt an eine Bezahlung gebunden, die ihr nicht erlaubt, jemals Nein zu sagen — Einengung im Gewand der Emanzipation.

Eine Frau, die zehn Stunden am Tag Nüsse zerschlägt und Steinscheiben dreht, hat Zugang zu Geld. Ob sie damit auch Zugang zu Schutz, zu technischer Erleichterung, zu der Möglichkeit hat, diese Arbeit einmal abzulehnen, ohne ihre Existenz zu gefährden — das steht auf keinem Schild.

5. Selbstständigkeit ist mehr als ein Gehaltszettel

Aus der Notfall- und Palliativmedizin kenne ich die Frage, was einen Menschen tatsächlich autonom macht, gut genug, um zu wissen, dass sie sich nicht mit einer einzigen Variable beantworten lässt. Am Krankenbett zählt letztlich nur, was die Person selbst noch entscheiden, ablehnen, verändern kann — nicht, was ihr formal zusteht. Übertragen auf die Werkbank in der Kooperative heißt das: Einkommen ist ein Baustein von Autonomie, respektive eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Würdige Arbeit braucht auch körperlichen Schutz, eine faire Bezahlung im Verhältnis zur Belastung, und, letztlich, die reale Möglichkeit, Nein zu sagen. Fehlt diese Möglichkeit, bleibt von der Selbstständigkeit vor allem das Wort übrig, aufgedruckt auf ein Schild, während die Hände darunter weiterarbeiten.

Ein Projekt wird nicht automatisch gut, nur weil es Frauen beschäftigt. Es wird gut, wenn es diesen Frauen tatsächlich etwas einbringt — Einkommen, ja, aber auch Einfluss und Freiheit, nicht nur eine weitere, nun offiziell besungene Belastung. Der Unterschied zwischen beidem liegt nicht auf dem Schild vor der Tür, sondern auf dem Lohnzettel, den niemand aushängt.

6. Der blinde Fleck hat einen Namen

Was mich an diesen Betrieben nicht loslässt, ist weniger die harte Arbeit selbst — harte Arbeit gibt es überall, in jedem Gewerbe, auf jedem Kontinent — sondern die Geschwindigkeit, mit der sie in eine Emanzipationsgeschichte verwandelt wird, sobald eine Frau sie verrichtet. Bei Männern würde niemand auf die Idee kommen, monotone Akkordarbeit für fünfzehn Cent die Stunde als Befreiung zu feiern; man würde über Ausbeutung sprechen, über Mindestlöhne, vielleicht über Automatisierung. Bei Frauen genügt offenbar der Umstand, dass überhaupt bezahlt wird, und dass der Betrieb ein Schild trägt, auf dem „Frauenprojekt“ steht.

Im Kongo sah ich ein verwandtes Bild, mit einer anderen Wendung: Schneiderinnen saßen auf der Straße, eine Nähmaschine neben der nächsten, und arbeiteten sich durch Stoffberge, ein Handwerk, das ihnen, verglichen mit den Arganölarbeiterinnen, immerhin ein Auskommen mit etwas mehr Eigenständigkeit verschaffte. Auf der anderen Straßenseite standen zur gleichen Zeit betrunkene Männer vor den Bars, Waffen sichtbar bei sich. Zwei Straßenseiten, zwei Wirklichkeiten, und dazwischen nur ein paar Meter Asphalt — ein Bild, das zeigt, dass die Frage nach Frauenarbeit nie isoliert zu beantworten ist, sondern immer eingebettet in das, was auf der anderen Straßenseite passiert, respektive nicht passiert.

Genau darin liegt der blinde Fleck, nicht in der Arganölproduktion allein, die ihre eigene wirtschaftliche Logik hat, sondern in der Bereitwilligkeit, mit der wir — Reisende, Journalistinnen, wohlwollende Beobachterinnen — jede Frauenarbeit als Fortschritt lesen, bevor wir gefragt haben, was sie kostet und wer davon profitiert, wenn hundert Milliliter Öl zwanzig Euro kosten und eine Arbeitsstunde fünfzehn Cent. Die Pflaster an den Fingern waren die ganze Zeit sichtbar. Man musste nur hinsehen — und bereit sein, das Bild nicht sofort in eine gute Geschichte zu verwandeln, sondern in eine unbequeme Rechnung.

Das wichtigste in Kürze

  1. Wie viel verdienen Frauen bei der Arganölherstellung in Marokko? Je nach Kooperative oft nur umgerechnet 15 bis 30 US-Cent pro Stunde, bezahlt im Akkord statt nach Arbeitszeit.

2. Warum wird die Arganölherstellung als Frauenprojekt beworben? Weil ausschließlich Frauen beschäftigt werden.Die Herkunft wird zum Verkaufsargument, die Arbeitsbedingungen bleiben meist unerwähnt.

3. Sind Arganöl-Kooperativen automatisch fair? Nein. Einkommen allein macht ein Projekt nicht gerecht, entscheidend sind Schutz, faire Bezahlung und die Möglichkeit, Arbeit abzulehnen.

4. Was macht Arbeit tatsächlich würdevoll, unabhängig vom Geschlecht der Arbeitenden? Schutz vor Verletzung, ein Lohn im Verhältnis zur Belastung, und die reale Option, Nein zu sagen, ohne die eigene Existenz zu gefährden.

Dir Gefällt, was du liest? Mehr davon gibts in meinem Newsletter

WochenEndMomentum ist für Menschen, die gerne gute Newsletter lesen. Er kommt immer samstags rechtzeitig zum ersten Kaffee

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner