„Boys are better than girls“- patriarchale Erziehung

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jungen-maedchen-erziehung-strand-essaouira.jpgeinem blauen Sonnenschirm an einem belebten Sandstrand
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Am Strand von Essaouira spielten ein Junge und ein Mädchen im Sand. Er war vielleicht sechs, sie ein Jahr älter. Sie gruben, bauten, schoben Sand von einer Stelle zur anderen. Zwei Kinder, die sich für eine Weile gefunden hatten.

Dann wusste das Mädchen etwas, das der Junge nicht wusste.

Er ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Boys are better than girls“, sagte er.

Ganz ruhig. Kein Streit, keine Wut. Eher wie eine Feststellung. Der Himmel ist blau. Das Meer ist kalt. Jungen sind besser als Mädchen.

Der Satz kam aus dem Mund eines Kindes, das kaum alt genug war, seine Schnürsenkel selbst zu binden.

ich habe mich fast verschluckt, konnte auch erstmal nicht in meinem Buch weiterlesen. 

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Ein Satz, den ein Kind irgendwo gelernt hat

Ein Sechsjähriger denkt sich keine Theorie über die Überlegenheit des Mannes aus. Er kommt auch nicht von allein auf die Idee, Wissen nach Geschlecht zu verteilen. So etwas wird ihm gezeigt.

Es wurde ihm mutmasslich wörtlich gesagt. Es war definitiv nicht nur der Satz einer kindlichen Zusammenfassung dessen, was er jeden Tag sieht.

Kinder sind gute Beobachter. Sie merken, wer am Tisch zuerst bedient wird. Wer nach dem Essen sitzen bleibt und wer die Teller wegräumt. Wer reden darf, ohne unterbrochen zu werden. Wer um Erlaubnis fragt. Wer laut werden darf. Wer sich beherrschen soll.

Sie verstehen früh, wem Raum gehört.

Vielleicht lebt der Junge in einem Haus, in dem die Frauen arbeiten und die Männer entscheiden. Vielleicht hört er ältere Jungen über Mädchen sprechen. Vielleicht wird ihm oft genug gesagt, wie stark, klug und wichtig Jungen seien. Vielleicht erlebt er Frauen, die dienen, schweigen, nachgeben.

Am Ende bleibt ein einfacher Satz.

„Boys are better than girls.“

Es wäre bequem, ihn als Kinderspruch abzutun. Kinder sagen Unsinn. Sie übertreiben. Morgen behauptet derselbe Junge vielleicht, sein Vater sei stärker als jeder andere Mann der Welt.

Doch dieser Satz war kein Größenvergleich zwischen Vätern und Superhelden. Er ordnete zwei Menschen ein. Der Junge stand oben, das Mädchen darunter. Dafür genügte ihm ihr Geschlecht.

Wer bekommt den Raum?

Solche Gewissheiten entstehen früh.

Mädchen werden noch immer zur Rücksicht erzogen. Sie sollen freundlich sein, vernünftig, hilfsbereit. Jungen dürfen wilder auftreten. Ihr Lärm gilt als Energie, ihre Grobheit als Temperament. Ein Mädchen, das sich durchsetzt, ist schnell anstrengend. Ein Junge mit demselben Verhalten wirkt selbstbewusst.

Viele Familien würden diese Unterschiede bestreiten. Sie lieben ihre Kinder gleich. Sie sagen ihren Töchtern, dass ihnen alle Wege offenstehen. Sie kaufen Bücher über starke Mädchen und schicken sie zum Fußball oder zum Programmierkurs.

Zu Hause trägt trotzdem die Mutter die Teller in die Küche.

Der Vater hilft.

Schon dieses Wort erzählt viel. Wer hilft, ist nicht zuständig. Er springt ein. Die Verantwortung bleibt bei jemand anderem.

Kinder hören nicht nur, was Erwachsene sagen. Sie sehen, wie das Leben organisiert ist. Das prägt tiefer als jedes Gespräch über Gleichberechtigung.

  • Der Sohn darf länger draußen bleiben.
  • Die Tochter soll auf ihren kleinen Bruder achten.
  • Er wird für seinen Mut gelobt.
  • Sie für ihr Kleid.
  • Er ist ein Rabauke.
  • Sie ist ungezogen.
  • Er muss sich austoben.
  • Sie soll sich zusammenreißen.

Jede einzelne Szene ist klein genug, um sie zu entschuldigen. Zusammen ergeben sie eine Welt.

In dieser Welt lernen manche Jungen, dass Frauen für die Ordnung zuständig sind und Männer für die Richtung. 

Dass Frauen zuhören und Männer erklären. 

Dass männlicher Ärger ernst genommen werden muss, weiblicher Ärger dagegen unangenehm ist.

Starke Töchter reichen nicht

Seit Jahren stärken wir Mädchen. Das war nötig, und es bleibt nötig.

Mädchen sollen widersprechen, Grenzen setzen, Geld verdienen, Macht übernehmen. Sie sollen nicht darauf warten, dass ihnen jemand einen Platz anbietet.

Über die Jungen wird seltener gesprochen.

Vielleicht, weil Jungen lange als die unkomplizierte Hälfte der Gleichung galten. Sie mussten nicht gestärkt werden. Ihnen stand die Welt ohnehin offen.

Doch Gleichberechtigung lässt sich nicht allein über Töchter herstellen. Man kann Mädchen beibringen, den Mund aufzumachen. Wenn Jungen gleichzeitig lernen, dass weiblicher Widerspruch eine Zumutung ist, treffen später zwei Erziehungen aufeinander, die einander feindlich sind.

Die eine sagt: Nimm dir Raum.

Die andere sagt: Der Raum gehört dir.

Das Problem beginnt nicht bei männlicher Stärke. Jungen dürfen stark sein, ehrgeizig, laut, mutig. Sie dürfen gewinnen wollen. 

Gefährlich wird es dort, wo Stärke mit Vorrang verwechselt wird.

Ein Junge muss nicht klein gemacht werden, damit ein Mädchen groß sein kann. Er muss nur aushalten, dass sie neben ihm steht.

Kann er verlieren, ohne den Sieger abzuwerten? Kann er sich entschuldigen? Kann er sich um jemanden kümmern, ohne sich lächerlich zu fühlen? Kann er ein Nein hören, ohne daraus eine Beleidigung zu machen? Kann er mit einem Mädchen spielen, das mehr weiß als er?

Am Strand lautete die Antwort offenbar noch: nein.

Der Junge löste das Problem, indem er eine Rangordnung erfand. Sie wusste mehr, aber er gehörte zum besseren Geschlecht.

Damit war seine Welt wieder in Ordnung.

Später sehen solche Reaktionen erwachsener aus. 

Ein Kollege erklärt der Fachfrau ihr eigenes Thema. Ein Partner hält den Erfolg seiner Frau kaum aus. Ein Vorgesetzter nennt eine Mitarbeiterin schwierig, weil sie widerspricht. Ein Mann reagiert auf Zurückweisung, als sei ihm etwas weggenommen worden, das ihm zusteht.

Zwischen dem Jungen am Strand und diesen Männern liegt kein gerader Weg. Kinder verändern sich. Menschen lernen dazu. Niemand ist mit sechs Jahren festgelegt.

Trotzdem beginnt vieles früh.

Kleine Könige werden gemacht

Wer als Kind erfährt, dass Nachgeben weiblich ist, wird sich später schwer damit tun. Wer Fürsorge als Frauenarbeit kennenlernt, hält sich selbst leichter heraus. Wer immer bedient wird, merkt irgendwann nicht mehr, dass andere arbeiten. Wer nie warten muss, hält Geduld für Demütigung.

Patriarchale Erziehung besteht selten aus großen Reden. Meistens steckt sie in Gewohnheiten.

Auch Mütter geben solche Gewohnheiten weiter.

Das ist ein heikler Satz, weil Frauen lange genug für alles verantwortlich gemacht wurden: für schwierige Männer, für gescheiterte Ehen, für missratene Kinder. Die alte Vorstellung, hinter jedem problematischen Mann stehe eine Mutter, die ihn falsch erzogen habe, entlastet Väter und Gesellschaft.

Darum geht es nicht.

Es geht um den Alltag. Auch Frauen geben Rollen weiter, unter denen sie selbst gelitten haben. Eine Mutter kann den Sohn bedienen und von der Tochter verlangen, mitzuhelfen. Sie kann seine Wut entschuldigen und ihre Wut bestrafen. Sie kann von ihm weniger Fürsorge erwarten, weil er ein Junge ist.

Aus Gewohnheit, weil es seit tausenden von Jahren so läuft.

Der Sohn wird zum kleinen König, weil alle um ihn herum gelernt haben, dass sein Komfort zählt.

Ein Junge muss nicht lernen, dass er weniger ist.

Er muss lernen, dass er nicht mehr ist.

Das klingt einfacher, als es ist. Denn vieles, was wie Liebe aussieht, kann zugleich eine Hierarchie festigen. Wer einem Sohn jede Unannehmlichkeit abnimmt, tut ihm nicht nur etwas Gutes. Er bringt ihm möglicherweise auch bei, dass jemand anderes für seine Bedürfnisse zuständig ist.

Später wartet dann eine Partnerin, die erinnern, organisieren, trösten, vermitteln und auffangen soll.

Und ein Mann, der überzeugt ist, er sei unkompliziert.

Männlichkeit wird vorgeführt

Väter tragen dieselbe Verantwortung, nur auf andere Weise.

Ein Sohn beobachtet genau, wie sein Vater mit Frauen spricht. Ob er der Mutter ins Wort fällt. Ob er ihre Arbeit sieht. Ob er sich um Kinder, Haushalt und alte Eltern kümmert. Ob er Fehler zugibt. Ob er über andere Männer lacht, die weich, zärtlich oder verletzlich wirken.

Männlichkeit wird selten erklärt. Sie wird vorgeführt.

Ein Vater, der kocht, tröstet, zuhört und sich entschuldigt, hält keine Rede über Gleichberechtigung. Er zeigt seinem Sohn, dass ein Mann dabei nichts verliert.

Ein Vater, der jede Auseinandersetzung gewinnen muss, zeigt etwas anderes.

Viele Jungen wachsen mit einem engen Bild von Stärke auf. Stark ist, wer sich durchsetzt. Wer nicht weint. Wer keine Angst zeigt. Wer führt. Wer gewinnt.

Schwach ist, wer nachgibt, Hilfe braucht oder sich entschuldigt.

Dieses Bild schadet auch den Jungen selbst. Es zwingt sie, Gefühle zu verstecken, Unsicherheit zu überspielen und Nähe als Risiko zu behandeln. Wer immer stark erscheinen muss, kann schlecht zugeben, dass er verletzt ist. Wer niemals verlieren darf, erlebt Gleichrangigkeit schnell als Bedrohung.

Dann genügt manchmal schon ein Mädchen, das etwas besser weiß.

Ein Nein wird zur Kränkung.

Ein Widerspruch zum Angriff.

Ein Erfolg zur Provokation.

Vom Kinderzimmer in die Politik

Die Folgen patriarchaler Erziehung bleiben nicht im Familienkreis.

Wer gelernt hat, dass Stärke Herrschaft bedeutet, nimmt diese Vorstellung mit. In Beziehungen, in Betriebe, in Parteien, in Regierungen. Dort bekommt sie Anzüge, Titel und Mikrofone.

Die Putins und Trumps dieser Welt fallen nicht vom Himmel. Auch sie waren einmal kleine Jungen.

Natürlich erklärt keine Kindheit allein einen autoritären Politiker. Geschichte, Macht, Geld, Institutionen und Ideologie wiegen schwer. Trotzdem entstehen Persönlichkeiten nicht erst mit dem ersten Wahlsieg.

Der Zwang, immer zu siegen, hat eine Vorgeschichte.

Die Unfähigkeit, Kritik auszuhalten, ebenfalls.

Ebenso die Vorstellung, Nachgeben sei Schwäche, Entschuldigung Erniedrigung und jede Beziehung ein Kampf um oben und unten.

Politik wird groß inszeniert. Ihre Muster sind oft erstaunlich klein:

  • Wer darf sprechen?
  • Wer muss zuhören?
  • Wer verteilt?
  • Wer wartet?
  • Wer wird bedient?
  • Wer entschuldigt sich?

Diese Fragen tauchen im Kinderzimmer auf, lange bevor sie in einem Parlament landen.

Darum reicht es nicht, Töchter stark zu machen. Wir müssen Söhne so erziehen, dass sie die Stärke anderer nicht als Angriff erleben.

Sie brauchen ein Selbstvertrauen, das nicht davon lebt, über jemandem zu stehen.

Ein Junge sollte erleben, dass Fürsorge selbstverständlich ist. Dass ein Mädchen ihm widersprechen darf. Dass er verlieren kann und trotzdem ganz bleibt. Dass Aufmerksamkeit kein Anspruch ist. Dass ein Nein keine Demütigung bedeutet. Dass Respekt nicht Gehorsam heißt.

Vor allem sollte er lernen, dass ihm kein Platz von Natur aus gehört.

Er kann sich einen erarbeiten. Er kann Verantwortung übernehmen. Er kann führen. Er kann scheitern. Er kann anderen folgen. Er kann Platz machen, ohne zu verschwinden.

Eine ganze Ordnung in einem Satz

Der Junge am Strand war sechs Jahre alt.

Das ist jung genug, um einen Satz nachzusprechen. Es ist auch jung genug, um einen anderen zu lernen.

Vielleicht wird ihm jemand widersprechen.

Vielleicht erlebt er ein Mädchen, das schneller rennt, besser rechnet, mutiger handelt. Vielleicht sieht er später einen Mann, der nicht gewinnen muss, um sich stark zu fühlen. Vielleicht versteht er irgendwann, dass der Wert eines Menschen keine Rangliste braucht.

Am Strand saß ihm ein Mädchen gegenüber, das etwas wusste, was er nicht wusste.

Das hätte ein gewöhnlicher Moment sein können.

Stattdessen musste er erklären, warum er trotzdem über ihr stand.

„Boys are better than girls.“

Ein Satz im Sand.

Und eine ganze Ordnung dahinter.

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