Du warst doch meine große Liebe

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Eine letzte Berührung am Sterbebett

Über einen letzten Abschied auf der Intensivstation

Als ich an jenem Tag meinen Dienst auf der Intensivstation begann, wusste ich zunächst nur, dass einer der Patienten im Sterben lag. Er hatte ein weit fortgeschrittenes Rektumkarzinom. Die Behandlung sollte auf ein Minimum begrenzt werden. Keine weiteren Maßnahmen mehr, die seinen Zustand künstlich verlängern würden. Es ging nicht mehr darum, Zeit zu gewinnen. Es ging darum, ihm die Zeit, die noch blieb, so ruhig wie möglich zu machen.

Solche Entscheidungen stehen nüchtern in der Übergabe. Wenige Worte, klare Anweisungen. Hinter ihnen liegt jedoch ein ganzes Leben, von dem man als Behandelnde meist nur Bruchstücke kennt. Befunde, Diagnosen, Therapieverläufe. Einige Sätze über die Familie. Man weiß, welche Medikamente gegeben wurden, welche Operationen stattgefunden haben und welche Werte sich verschlechtert haben. Man weiß aber oft nicht, wie ein Mensch geliebt hat, worüber er gelacht hat, wen er verletzt hat und was zwischen ihm und den Menschen, die ihm nahestanden, unausgesprochen geblieben ist.

Meine Aufgabe war es, seine Ehefrau anzurufen und sie zu fragen, ob sie kommen und bei ihm sein wolle.

Sie waren nicht mehr zusammen. Sie hatte sich von ihm getrennt, weil er in den letzten Jahren so böse geworden war. Mehr wusste ich nicht. Ich wusste nicht, wie sich diese Bosheit gezeigt hatte. Ich wusste nicht, wie lange sie sie ausgehalten hatte, wann sie gegangen war und was dieser Schritt für sie bedeutet hatte. Ich wusste nur, dass die Trennung zwischen ihnen stand und dass ihr Mann nun sterben würde.

Es gibt Anrufe, für die es keine passende Einleitung gibt. Man kann vorsichtig sprechen, Pausen lassen und die medizinische Situation so verständlich wie möglich erklären. Trotzdem bleibt am Ende die eine Nachricht: Es ist so weit. Wenn Sie ihn noch sehen möchten, sollten Sie kommen.

Sie kam.

Auch die gemeinsame Tochter kam. Sie war erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt. Ursprünglich hatte sie nicht mitkommen wollen. Die letzte Zeit mit ihrem Vater war für sie offenbar sehr anstrengend und verletzend gewesen. Sie deutete das nur an. Weder sie noch ihre Mutter gingen näher darauf ein.

Die Tochter fragte mich, ob sie jederzeit wieder hinausgehen dürfe.

„Natürlich, immer“, sagte ich. „Schauen Sie, am Bett eines Sterbenden gibt es kein Falsch und kein Richtig. Sie müssen es für sich so machen, wie Sie es als stimmig und gut empfinden. Und Sie müssen sich für nichts rechtfertigen.“

Diese Frage ist mir geblieben. In ihr lag nicht nur die Sorge, den Anblick oder den Augenblick des Todes nicht auszuhalten. In ihr lag auch die Verletzung, die aus der gemeinsamen Zeit mit ihrem Vater geblieben war. Wer an einem Sterbebett steht, nimmt nicht nur Abschied von einem Menschen. Er begegnet auch der eigenen Geschichte mit ihm. Und diese Geschichte ist selten frei von Widersprüchen.

Die Tochter brauchte die Gewissheit, selbst entscheiden zu dürfen, wie viel Nähe für sie möglich war. Niemand sollte in einem solchen Moment gezwungen sein, stärker zu wirken, als er sich fühlt. Man darf hinausgehen. Man darf wiederkommen. Man darf weinen, schweigen oder ganz anders reagieren, als man es von sich erwartet hätte. Es gibt keine richtige Haltung am Bett eines sterbenden Menschen.

Sie kam mit in das Zimmer.

Und sie blieb.

Die Pfarrerin war gleichzeitig mit den beiden Frauen gekommen. Auch sie kannte nur die kurze Vorgeschichte, die mir bekannt war. Die Ehefrau hatte noch angemerkt, ihr Mann sei in den letzten Jahren nicht mehr in den Gottesdienst gegangen. Dennoch nahm sie an, dass er sich seelsorgerischen Beistand wünschen würde. Sie selbst empfand es auf jeden Fall als würdig.

Die Pfarrerin setzte sich an das Bett des Mannes. Seine Ehefrau und seine Tochter hielten sich zunächst am Fußende auf.

Diese räumliche Ordnung ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: die Pfarrerin nah bei ihm, die beiden Frauen weiter entfernt.

Das Fußende war der Platz, den sie in diesem Moment einnehmen konnten. Nah genug, um da zu sein. Weit genug entfernt, um das auszuhalten, was zwischen ihnen und dem Mann lag.

Die Pfarrerin betete. Sie sprach ihren Segen über ihn.

Ich weiß nicht mehr, welche Worte sie wählte. Entscheidend war wohl weniger ihr genauer Wortlaut als die Tatsache, dass überhaupt jemand sprach. Jemand gab dem Schweigen eine Form. Jemand wandte den Blick nicht vom nahenden Tod ab, sondern erkannte ihn an.

Der Mann war nicht mehr ansprechbar. Sein Gesicht und sein Körper zeigten, dass er dem Tod sehr nahe war. Wer häufig Sterbende begleitet, erkennt bestimmte Veränderungen. Die Atmung, die Haut, die Spannung im Gesicht. Alles deutete darauf hin, dass es nicht mehr lange dauern würde.

Und doch starb er nicht.

Zeit verhält sich am Sterbebett anders. Minuten können sehr lang werden. Man wartet, ohne genau sagen zu können, worauf. Auf den nächsten Atemzug. Auf das Ausbleiben dieses Atemzugs. Auf eine Veränderung, die man erkennt und zugleich fürchtet. Niemand weiß, wie lange es dauern wird. Niemand kann bestimmen, wann ein Körper aufhört, sich festzuhalten.

Dem Mann war der nahende Tod anzusehen. Trotzdem wirkte es, als halte ihn noch etwas zurück.

Das ist eine Beobachtung, keine Gewissheit. Ich weiß nicht, was ein Mensch in einem solchen Zustand noch hört, versteht oder empfindet. Vieles, was wir an einem Sterbebett erleben, bleibt unserer Deutung überlassen. Der Körper folgt seinen eigenen Abläufen, und doch gibt es Augenblicke, in denen das Geschehen mehr zu tragen scheint als das rein Körperliche.

Eine lange Weile verging.

Die Ehefrau stand am Fußende des Bettes. Sie war gekommen, obwohl sie sich von ihm getrennt hatte. Sie stand dort, obwohl er sie verletzt hatte und obwohl sie die letzten Jahre mit ihm als schwer erlebt hatte. Niemand im Raum kannte ihre gemeinsame Geschichte. Wir wussten nicht, was sie miteinander begonnen hatten, was sie getragen hatte und was später zerbrochen war.

Eine Trennung löscht eine gemeinsame Geschichte nicht aus. Auch Verletzungen tun das nicht. Man kann einen Menschen verlassen müssen und ihn dennoch einmal tief geliebt haben. Man kann zornig sein und traurig. Man kann erleichtert sein, gegangen zu sein, und zugleich Schmerz darüber empfinden, dass alles so enden musste. Liebe verschwindet nicht immer dort, wo ein gemeinsames Leben endet. Manchmal bleibt sie unter vielem anderen verborgen: unter Kränkungen, Erschöpfung, Angst und Enttäuschung.

Nach einer langen Zeit löste sich die Ehefrau vom Fußende des Bettes.

Sie ging zu ihm.

Sie legte ihre Hand an sein Gesicht.

Dann sagte sie: „Ach, Günther, du warst doch meine große Liebe.“

Mehr sagte sie nicht.

Es war kein feierlicher Rückblick auf eine Ehe. Keine lange Aussprache. Keine ausdrückliche Bitte um Verzeihung und auch keine Erklärung dessen, was zwischen ihnen geschehen war. Es war ein einfacher Satz, leise genug für diesen Raum und groß genug für ein ganzes gemeinsames Leben.

Du warst doch meine große Liebe.

In diesem „doch“ lag alles, was sie nicht aussprach. Es nahm nichts zurück. Es machte nicht ungeschehen, was zwischen ihnen geschehen war. Es erklärte nicht, warum sie gegangen war, und stellte ihre Entscheidung nicht infrage. Dieses eine Wort hielt beides aus: die Verletzung und die Liebe.

Du bist ein anderer geworden. Ich konnte nicht bleiben. Und doch warst du meine große Liebe.

So klang ihr Satz für mich.

Kurz darauf starb er.

Nicht dramatisch, nicht mit einer sichtbaren Wendung wie in einem Film. Seine Atmung endete. Sein Körper hörte auf, sich festzuhalten. Der Mann, um den wir gestanden hatten, war nicht mehr da.

Ob er ihre Worte gehört hatte, kann ich nicht wissen. Ob er auf sie gewartet hatte, ebenso wenig. Aber der zeitliche Zusammenhang war so unmittelbar, dass er sich uns allen einprägte.

In dem Moment, in dem er starb, geschah etwas, das schwer in nüchterne Worte zu fassen ist. Die Pflegekraft, die Pfarrerin und ich bekamen gleichzeitig eine Gänsehaut. Es war nicht nur die Erschütterung über den eingetretenen Tod. Es war die Dichte dieses Augenblicks: die Hand der Ehefrau an seinem Gesicht, ihr Satz, sein Tod unmittelbar danach.

Später sprachen wir darüber. Wir drei hatten denselben körperlichen Eindruck gehabt. Es war, als hätten wir die Liebe, die in diesem Raum sichtbar geworden war, am eigenen Körper gespürt.

Ich kann diese Gänsehaut bis heute hervorrufen, wenn ich an den Mann und an diese Situation denke.

Dabei will ich aus diesem Moment keine Gewissheit ableiten. Ich weiß nicht, ob Menschen auf letzte Worte warten. Ich weiß nicht, ob Liebe einen Sterbenden im wörtlichen Sinn loslassen lässt. Ich weiß nur, was wir erlebt haben: Eine Frau ging nach langem Zögern zu ihrem sterbenden Mann, berührte sein Gesicht und sagte ihm, dass er ihre große Liebe gewesen war. Kurz darauf starb er. Und drei Menschen im Raum spürten denselben Schauder.

Es wäre leicht, daraus eine tröstliche Geschichte zu machen. Eine Geschichte darüber, dass Liebe am Ende alles heilt. Aber das wäre zu einfach. Liebe heilt nicht alles. Sie verhindert weder Krankheit noch Verletzung. Sie macht eine Trennung nicht unnötig und nimmt dem Sterben nichts von seiner Endgültigkeit.

Liebe kann am Ende auch etwas anderes sein. Kein Heilmittel. Kein Versprechen. Nur ein letzter wahrer Satz.

Die Ehefrau sagte nicht: Es war alles gut.

Sie sagte auch nicht ausdrücklich: Ich habe dir verziehen.

Und doch lag in ihrer Bewegung zu ihm hin etwas, das wir als Vergebung empfanden. Nicht als Auslöschung der Vergangenheit und nicht als nachträgliche Rechtfertigung dessen, was geschehen war. Eher als ein Loslassen des Kampfes. Sie musste nichts mehr erklären. Sie musste nicht zurückkehren. Sie musste nichts beschönigen. Sie sprach aus, was trotz allem wahr geblieben war.

Nach seinem Tod ging auch die Tochter noch einmal zu ihm.

Das junge Mädchen, das zunächst nicht hatte mitkommen wollen. Die Tochter, die wissen musste, ob sie jederzeit hinausgehen dürfe. Sie nahm seine Hand und verabschiedete sich aus der Nähe von ihm.

Auch sie blieb bis zum Schluss.

Dieser Moment berührt mich auf eine andere Weise als der Satz der Ehefrau. Die Tochter musste nichts sagen, was sie nicht sagen konnte. Sie musste ihre Verletzungen nicht zurücknehmen. Sie musste weder versöhnen noch vergeben. Sie durfte einfach seine Hand halten und sich auf ihre Weise verabschieden.

Am Bett dieses Mannes begegneten sich Liebe, Verlust und Aufbruch nicht nacheinander. Sie waren gleichzeitig da.

Der Verlust war offensichtlich. Ein Mann starb. Eine junge Frau verlor ihren Vater. Eine Ehefrau verlor einen Menschen, von dem sie sich bereits getrennt hatte und mit dem sie dennoch tief verbunden gewesen war.

Die Liebe war weniger eindeutig. Sie zeigte sich nicht als heile Beziehung, nicht als glückliches Ende und nicht als Versöhnung im üblichen Sinn. Sie zeigte sich in einer Bewegung vom Fußende des Bettes zu seinem Kopf. In einer Hand an einer Wange. In einer Tochter, die trotz ihrer Verletzung blieb und am Ende die Hand ihres Vaters nahm. In einem Satz, der nichts forderte und nichts beschönigte.

Auch der Aufbruch war da. Für den Mann bestand er im Sterben. Für seine Frau und seine Tochter begann ein Leben, in dem er nicht mehr anwesend sein würde. Ein Leben, in dem sie sich an ihn erinnern mussten: an das Gute, an das Schwere und an das, was sich nicht mehr klären ließ.

Aufbruch ist nicht immer hoffnungsvoll. Manchmal beginnt er dort, wo es kein Zurück mehr gibt. Man geht weiter, weil die Zeit sich weiterbewegt. Man nimmt mit, was sich nicht lösen ließ. Man trägt die Liebe ebenso wie die Enttäuschung.

Mich hat diese Szene gelehrt, wie wenig wir über die Beziehungen wissen, die sich vor unseren Augen zeigen. Am Krankenbett sehen wir oft nur den letzten Ausschnitt. Wir erleben einen Abschied, kennen aber nicht den ganzen Weg, der zu ihm geführt hat. Deshalb sollten wir vorsichtig sein mit unserem Urteil.

Die Frau am Fußende des Bettes war nicht nur die getrennte Ehefrau. Sie war auch die Frau, die gekommen war. Die Frau, die lange Abstand hielt. Die Frau, die schließlich nähertrat. Die Frau, die ihre Hand an das Gesicht eines sterbenden Mannes legte und ihm sagte, was er für sie gewesen war.

Die Tochter war nicht nur das verletzte Kind, das zunächst nicht hatte mitkommen wollen. Sie war auch die junge Frau, die sich die Freiheit geben ließ, jederzeit hinauszugehen. Und die sich dann entschied zu bleiben.

Es war kein Abschied, der alles heilte. Es war ein Abschied, der nichts beschönigte und dennoch Nähe zuließ.

Bis heute denke ich an diesen Satz, weil er zeigt, dass Liebe auch dort noch eine Sprache finden kann, wo ein gemeinsames Leben längst zerbrochen ist.

Am Ende blieb kein großes Bild. Nur ein Bett auf einer Intensivstation. Eine Pfarrerin, die gebetet hatte. Eine junge Tochter, die wissen wollte, ob sie jederzeit hinausgehen dürfe. Eine Ehefrau, die lange am Fußende gestanden hatte. Eine Pflegekraft, eine Pfarrerin und eine Ärztin, denen im selben Moment eine Gänsehaut über den Körper lief.

Und ein Mann, der kurz nach den Worten starb:

„Ach, Günther, du warst doch meine große Liebe.“

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