Innere Landschaft nach Trauma 

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landschaft-ohne-baeume-gedaechtnisluecke-trauma.jpg © Muhammad Tahir Khan
Innere Landschaft nach Trauma 

Wenn eine Gedächtnislücke nach einem Trauma bleibt ⭐ 

Es war ein schöner Skitag, einer der letzten in dieser Saison. Nicht mehr besonders kalt, sonnig, und weil sich die Saison dem Ende näherte, waren an diesem letzten Sonntag noch einmal viele Wintersportler unterwegs.

Irgendwann ging unser Pager: verunglückte Skifahrerin.

Der Pistenpatrouilleur berichtete uns, dass sie von einem grossen, schwergewichtigen Skifahrer angefahren worden sei. Er selbst hatte den Unfall nicht gesehen. Eine Frau, die der Skifahrerin zu Hilfe geeilt war, hatte es ihm so erzählt.

Die Patientin selbst wusste davon kaum noch etwas. Da war eine unklare, schwammige Erinnerung an einen grossen Skifahrer, mehr nicht. Ihren Namen wusste sie. Und sie wusste, dass sie nicht verstand, wie ihr das hatte passieren können. Sie sei eine sehr gute Skifahrerin, sagte sie.

Sie machte sich Sorgen um ihren 17-jährigen Sohn.

Und vor allem stellte sie immer wieder dieselben beiden Fragen:

„Was ist denn passiert? Wo gehen wir jetzt hin?“

Etwa alle zwei Minuten.

Wir antworteten ihr, und kurze Zeit später fragte sie wieder. „Was ist denn passiert? Wo gehen wir jetzt hin?“ Dann erklärten wir es ihr erneut.

Schwere Commotio, Schädel-Hirn-Trauma Grad 2.

Drei Wochen später kam sie zu uns auf die Helibasis. Sie wollte sich bedanken und den Helikopter und die Menschen sehen, die sie, wie sie sagte, „gerettet“ hatten. Zufällig waren wir an diesem Tag tatsächlich wieder dieselbe Crew.

Sie erzählte uns, dass sie erst ungefähr drei Stunden nach dem Unfall wieder klar im Kopf gewesen sei. Diese drei Stunden fehlten ihr noch immer. Ebenso eine klare Erinnerung an den eigentlichen Unfall und an den Skifahrer, der sie angefahren hatte.

Sie wusste inzwischen, was geschehen war. Man hatte es ihr erzählt. Sie kannte den Ablauf, konnte ihn vermutlich wiedergeben.

Aber sie konnte sich nicht daran erinnern.

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Wenn Erlebtes nicht zur Erinnerung wird

„Wenn Erlebtes nicht zur Erinnerung wird“: „Eine Gedächtnislücke nach einem Trauma bedeutet nicht, dass eine Erinnerung verdrängt wurde. Bei einem Schädel-Hirn-Trauma wird sie oft schlicht nie gespeichert.“

Medizinisch ist das nach einem Schädel-Hirn-Trauma mit Gedächtnislücke nichts Rätselhaftes. Gerade die Erinnerung an die Zeit unmittelbar vor und nach einem Unfall kann gestört sein. Informationen werden aufgenommen, Gespräche geführt, Fragen gestellt, Antworten verstanden – und kurz darauf ist davon nichts mehr verfügbar.

Bei unserer Patientin konnte man das beinahe in Echtzeit beobachten. Sie hörte unsere Antwort auf ihre Frage, reagierte darauf und wenige Minuten später war sie wieder am selben Punkt. Nicht, weil sie nicht zugehört hätte. Die Antwort hatte nur keinen dauerhaften Platz gefunden.

Das Gedächtnis ist dabei weniger verlässlich, als es sich im Alltag anfühlt. Normalerweise fällt kaum auf, wie viel fortlaufend sortiert, verbunden und gespeichert wird. Erst wenn dieser Vorgang für eine gewisse Zeit nicht funktioniert, wird sichtbar, dass zwischen einem Erlebnis und einer späteren Erinnerung daran ein ganzer biologischer Prozess liegt.

Eine fehlende Erinnerung ist nicht automatisch eine verdrängte Erinnerung. Bei physischer Traumatisierung des Gehirns wird die Erinnerung nicht gespeichert.

Bei der Skifahrerin gibt es deshalb keinen Grund anzunehmen, dass irgendwo in ihr eine vollständige Version dieser drei Stunden verborgen liegt, die nur wieder hervorgeholt werden müsste. Die anderen Beteiligten können ihr erzählen, was passiert ist. Sie kann Fotos sehen, Berichte lesen, den Helikopter anschauen, in dem sie geflogen wurde. Daraus kann Wissen entstehen.

Eine eigene Erinnerung wird daraus nicht zwangsläufig.

Erinnerung nach Trauma

Bei mentalem Trauma ist die Situation eine andere, auch wenn im Alltag schnell dieselben Wörter fallen: Lücke, Erinnerung, Verdrängung.

Hier geht es nicht einfach um eine vorübergehend gestörte Gedächtnisbildung nach einer Hirnverletzung. Mental-traumatische Erfahrungen können sehr wohl gespeichert sein, aber später in einer Form auftauchen, die sich von einer gewöhnlichen autobiografischen Erinnerung unterscheidet.

Manches ist bruchstückhaft. Ein Geruch ist plötzlich da, ein Geräusch, eine bestimmte Haltung des Körpers. Ein Bild taucht auf, ohne dass gleich eine ganze Geschichte daran hängt. Oder der Körper reagiert sehr schnell auf etwas, bevor überhaupt klar ist, worauf.

Das Vergangene ist dann nicht unbedingt vergessen. Es hat nur nicht immer die Ordnung, die von einer normalen Erinnerung erwartet wird: Damals war das. Dort ist es passiert. Es ist vorbei.

Gerade diese Unterscheidung zwischen neurologisch bedingter Amnesie und traumatischem Erinnern ist wichtig. Beides kann Lücken hinterlassen, aber die Lücke bedeutet nicht dasselbe.

Und auch beimmentalen Trauma ist Vorsicht angebracht, sobald aus einer Lücke unbedingt eine Geschichte werden soll.

Wenn nichts erinnert wird und trotzdem etwas wiederkommt

Eine Erinnerungslücke nach einem Schädel-Hirn-Trauma, also einem körperlichen Trauma, schließt spätere trauma-assoziierte Symptome nicht aus. Auch Menschen, die sich an Teile eines Unfallgeschehens nicht erinnern können, können später intrusive Bilder, Körperempfindungen, Angstreaktionen oder flashbackartige Erlebnisse entwickeln.

Das wirkt zunächst widersprüchlich. Wenn keine bewusste Erinnerung vorhanden ist, was kommt dann überhaupt zurück?

Eine zusammenhängende autobiografische Erinnerung ist nicht dasselbe wie einzelne gespeicherte Wahrnehmungen. Geräusche, Körperempfindungen, Angst, kurze Bilder oder emotionale Reaktionen können vorhanden sein, obwohl der Ablauf des Geschehens nicht als vollständige Szene erinnert wird.

Die Forschung nach Schädel-Hirn-Trauma zeigt, dass eine posttraumatische Amnesie (das Nicht-Erinnern nach einem körperlichen Trauma) eine spätere PTBS (post traumatische Belastungsstörung) nicht ausschließt. In einer großen Kohorte mit 1.167 Traumapatienten entwickelten auch Patienten mit posttraumatischer Amnesie später eine PTBS.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19703323/

Das passt zu der Beobachtung, dass sensorische, emotionale oder körperliche Anteile einer Erfahrung vorhanden sein können, obwohl keine zusammenhängende episodische Erinnerung besteht. Genau diese Trennung zwischen expliziter autobiografischer Erinnerung und anderen Formen der Verarbeitung ist für das Verständnis von Trauma nach SHT wichtig.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11497213/

Damit bleibt aber eine wichtige Grenze.

Ein lebhaftes Bild ist noch kein Beweis dafür, dass genau diese Szene ursprünglich so gespeichert wurde. Nach einem Unfall werden viele Informationen erst später aufgenommen: durch Angehörige, Rettungskräfte, Ärzte, Unfallberichte oder Erzählungen von Zeugen. Daraus können Bilder entstehen, die sich ausgesprochen wirklich anfühlen.

Bryant beschrieb bereits 1996 Patienten mit geschlossenem Schädel-Hirn-Trauma und Amnesie für den Unfall, die später sehr lebhafte, flashbackähnliche Bilder entwickelten. Ein Teil dieser Bilder liess sich auf Informationen zurückführen, die die Patienten erst nach dem Unfall erhalten hatten. Bryant bezeichnete sie deshalb als Pseudomemories.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8827662/

Hypnose kann im Rahmen einer Hypnotherapie eingesetzt werden, um den Zugang zu inneren Bildern, Körperempfindungen oder Erinnerungseindrücken zu erleichtern. In Trance können solche Bilder sehr intensiv, plastisch und emotional überzeugend werden. Ihre Lebhaftigkeit macht sie jedoch nicht automatisch historisch korrekt. Erinnerung ist rekonstruktiv und veränderlich. Ein auftauchendes Bild kann ein tatsächlich gespeichertes Fragment sein, eine spätere Rekonstruktion oder eine Mischung aus beidem.

Für die Skifahrerin bedeutet das: Die drei fehlenden Stunden und die fehlende klare Erinnerung an den Unfall schließen nicht aus, dass einzelne sensorische oder emotionale Spuren vorhanden sind. Sollten später Bilder, Körperempfindungen oder flashback-artige Erlebnisse auftauchen, liesse sich daraus allein jedoch nicht sicher ableiten, wie genau das Unfallgeschehen tatsächlich ablief.

Für die hypnotherapeutische Arbeit ist diese Grenze zentral. Es geht nicht darum, ein auftauchendes Bild möglichst schnell zur historischen Wahrheit zu erklären. Entscheidend ist zuerst, wie es erlebt wird, welche Reaktion es auslöst und welche Bedeutung es im gegenwärtigen Erleben hat. 

Erinnerung und historische Rekonstruktion sind zwei verschiedene Ebenen.

Hypnose und die vermeintlich verschüttete Erinnerung

Hypnose wird mittlerweile auch mit der Vorstellung verbunden, man könne damit tief genug in das Gedächtnis hinabsteigen und dort etwas wiederfinden, das dem normalen Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist.

So einfach ist es nicht.

Unter Hypnose können Bilder sehr deutlich werden. Szenen können sich plastisch anfühlen, einzelne Details plötzlich selbstverständlich erscheinen. Aber die Lebendigkeit eines inneren Bildes sagt nichts darüber aus, ob es sich genauso ereignet hat.

Erinnerung ist kein Film, der irgendwo vollständig gespeichert liegt.

Bei der Hypnotherapie geht es in solchen Situationen nicht darum, eine lückenlose und autobiografisch exakte Version des Geschehens herzustellen. Entscheidend ist vielmehr, was der Mensch damals empfunden hat, was davon heute noch im Körper oder im Erleben auftaucht und was geschieht, wenn Flashbacks oder andere intrusive Reaktionen einsetzen.

Gerade hier kann Hypnose sehr gut ansetzen. In Trance lassen sich innere Bilder, Körperempfindungen und emotionale Reaktionen oft differenzierter wahrnehmen und bearbeiten. Der Fokus liegt dann nicht auf der Frage: „Was ist damals exakt passiert?“, sondern auf Fragen wie: “Was war damals spürbar? Was ist heute noch davon da? Und was braucht es, damit sich dieses Erleben verändert?”

Eine Möglichkeit ist die Arbeit mit einer Timeline. Der Patient nähert sich dem Geschehen in einem kontrollierten Rahmen, nimmt wahr, an welcher Stelle bestimmte Gefühle oder Körperreaktionen auftreten, und kann diese Erfahrung in der Gegenwart verändern. Aus Hilflosigkeit kann mehr Distanz entstehen, aus Überwältigung mehr Kontrolle, aus einem festgefrorenen Moment wieder Bewegung.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von der Rekonstruktion einer vermeintlich objektiven Vergangenheit und hin zur Veränderung dessen, was heute noch wirksam ist. Genau darin liegt bei fehlenden Erinnerungen oder flashbackartigen Symptomen eine der Stärken der Hypnotherapie.

Bei unserer Skifahrerin hätte es keinen therapeutischen Gewinn gehabt, jene drei Stunden unbedingt zurückholen zu wollen. Dass sie fehlen, ist Teil der Verletzung. Man kann ihr erzählen, was geschehen ist. Man kann die medizinischen Fakten erklären. Aber niemand musste und muss diese Leerstelle mit Bildern füllen.

Was Geschichten mit Erinnerung machen

Literatur geht mit Lücken anders um als ein medizinischer Bericht.

Der medizinische Bericht versucht, möglichst genau festzuhalten, was beobachtet wurde: Unfallmechanismus, neurologischer Zustand, zeitlicher Verlauf, Befunde. Er braucht Klarheit.

Eine Geschichte darf eine Lücke stehen lassen.

Vielleicht liegt darin ein Teil dessen, was Bibliotherapie interessant macht. Ein Text muss nicht dieselbe Erfahrung beschreiben, damit etwas darin vertraut erscheint. Manchmal ist es eine einzelne Formulierung, eine Figur, eine Stimmung oder ein Bild, das zu etwas passt, das bisher kaum Sprache hatte.

Dabei entsteht keine neue Erinnerung an etwas, das vergessen wurde. Eher entsteht eine Möglichkeit, mit dem Vorhandenen anders umzugehen.

Es gibt Erfahrungen, über die zunächst nur in medizinischen Begriffen gesprochen werden kann. Commotio. Amnesie. Schädel-Hirn-Trauma. Das ist notwendig und oft sehr präzise.

Und trotzdem beschreibt keiner dieser Begriffe, wie es sich anfühlt, drei Wochen später an einen Ort zurückzukommen, an dem Menschen einen kennen, während man selbst keinerlei Erinnerung an sie hat.

Dafür braucht es eine andere Sprache.

Landschaft ohne Bäume

Vielleicht hängt das Bild über diesem Text deshalb so gut mit dieser Geschichte zusammen.

Aus der Nähe sind da zunächst Risse, Unebenheiten, Schichten. Bei längerem Hinsehen verändert sich der Maßstab. Plötzlich wirkt die Oberfläche wie eine Landschaft, mit Tälern, Kanten und weiten, trockenen Flächen.

Dabei ist nichts hinzugekommen.

Die Struktur war die ganze Zeit da.

Die drei Stunden der Skifahrerin sind ebenfalls Teil ihres Lebens. Sie war auf der Piste, wurde versorgt, flog im Helikopter, kam ins Spital. Es gibt Menschen, die sich daran erinnern. Es gibt einen Ablauf und vermutlich auch eine medizinische Dokumentation.

Nur ihre eigene Erinnerung führt nicht durch dieses Stück Zeit.

Drei Wochen später stand sie auf der Basis und sah den Helikopter an, in dem sie schon einmal gesessen hatte. Sie traf dieselbe Crew noch einmal – dieses Mal bewusst, dieses Mal mit einer Erinnerung, die bleiben konnte.

Die drei Stunden davor bleiben dunkel.

Eine Landschaft ohne Bäume.

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