Die beiden Monate gehören thematisch so eng zusammen, dass es nur passend erscheint, sie in einem Artikel anzugehen.
Die erste Erkenntnis war: nimmt man den Stressor heraus, bessert sich der innere Zustand. Schneller, als man es erwartet. Langsamer, als die Trauer es erlaubt.
Der September, sagt man, hat die Magie des Sommers und bereitet den Zauber des Herbstes vor. Und der Herbst erinnert uns daran, dass Veränderung schön sein kann.
Beides klingt nach Kalenderblatt. Nach einem jener Sprüche, die man über Sonnenuntergänge schreibt, um sie anschließend in den sozialen Medien zu verbreiten. Beides hat in diesem Jahr gestimmt, was mir fast ein wenig unheimlich ist.
Denn manchmal verändert sich das Leben nicht durch ein großes Ereignis. Sondern durch einen Brief, den man abschickt. Durch eine Entscheidung, die man lange vor sich hergetragen hat. Und durch die merkwürdige Erkenntnis, dass die Welt sich weiterdreht, obwohl man gerade etwas aufgegeben hat, das einem sehr viel bedeutet.
Im August habe ich noch darüber nachgedacht, wie lange man etwas erträgt, das einem augenscheinlich nicht guttut. Das sogar gesundheitliche Anforderungen stellt. Nur, weil man es sehr gern macht, die Arbeit dahinter liebt, und das Team auch.
Im September kam die Antwort. Im Oktober begannen sich die Konsequenzen zu zeigen.
Und irgendwo dazwischen stellte ich fest, dass sich ein Gehirn tatsächlich wieder langweilen kann.
Ein erstaunlich erfreulicher Befund.
Verpasse nie wieder einen Blogartikel von mir: Abonniere meinen Newsletter „WochenEndMomentum“
Wolf und Elch – oder umgekehrt
Ich lese ja jeden Monat mit einer Mischung aus Neugier und Vergnügen, welches Krafttier den Schützen gerade begleiten soll. Im September war es der Elch, der für beste Ergebnisse stand. Das Ziel sei in Sicht, Entscheidungen stünden an, aber man solle nichts überstürzen.
Nun ja. Die Entscheidung, die ich im September getroffen habe, war nicht gerade eine Kleinigkeit. Aber überstürzt war sie ganz sicher nicht. Eher das Gegenteil. Ich hatte lange genug darüber nachgedacht, Möglichkeiten abgewogen, gehofft, dass sich etwas ändern würde, und mich gefragt, ob ich nicht doch noch einen Weg finden könnte, zu bleiben. Wenn einem etwas am Herzen liegt, ist man erstaunlich erfinderisch darin, Gründe zu finden, weshalb es vielleicht doch noch gehen könnte.
Irgendwann musste ich mir allerdings eingestehen, dass mein Wunsch zu bleiben an der Realität nichts änderte. Und so habe ich im September gekündigt. Ob das nun unter „beste Ergebnisse“ fällt, wird sich zeigen. Für meine Gesundheit war es jedenfalls eine gute Entscheidung, auch wenn sie mir alles andere als leichtgefallen ist.
Im Oktober übernahm dann der Wolf. Sein Thema: Kraft zur Führung. Er fordert klare Worte, keine Schmeicheleien und vor allem, dass man die eigenen Grenzen kennt und auch vertritt. Selbst dann, wenn das im Umfeld nicht auf ungeteilte Begeisterung stößt.
Damit kam er eigentlich einen Monat zu spät. Die Kündigung war längst ausgesprochen, und ich hatte mich bereits mit den Folgen meiner Entscheidung zu beschäftigen. Wobei der Wolf durchaus noch etwas zu tun bekam. Denn im Oktober zeigte sich, dass zwischen einem freundlichen Vorstellungsgespräch, einer mündlichen Zusage und einem unterschriebenen Arbeitsvertrag offenbar sehr viel Zeit und Raum liegen können.
Und während ich versuchte, meine berufliche Zukunft einigermaßen vernünftig zu planen, ließen sich diejenigen, die mir Verträge hätten schicken sollen, bemerkenswert viel Zeit.
Vielleicht hätte ich den Elch doch noch etwas länger behalten sollen. Der war wenigstens ausdrücklich für Geduld zuständig.
Kündigung: Manchmal muss man gehen, obwohl man bleiben möchte
Im September habe ich gekündigt.
Fristgerecht, zum Jahresende.
Acht Jahre Luftrettung.
Acht Jahre in einem Berufsfeld, das für mich nie einfach nur eine Arbeitsstelle war. Die Luftrettung verbindet vieles von dem, was ich an der Medizin liebe: fachliche Herausforderung, Entscheidungen unter Zeitdruck, unmittelbare Verantwortung und dieses besondere Vertrauen, das entsteht, wenn Menschen zusammenarbeiten und sich aufeinander verlassen müssen.
Dazu ein Team, das ich wirklich liebe.
Menschen, mit denen ich gelacht habe. Mit denen ich schwierige Situationen bewältigt habe. Menschen, bei denen oft wenige Worte genügten, weil man wusste, wie der andere denkt und arbeitet.
Solche Teams sind nicht selbstverständlich. Und man kann sie nicht einfach durch ein neues ersetzen.
Die Kündigung wäre leichter gewesen, wenn mir die Arbeit gleichgültig geworden wäre. Wenn ich mich nur noch über Dienste geärgert hätte, wenn mich die Menschen genervt hätten, wenn nichts mehr schön gewesen wäre.
Aber so war es nicht.
Das Schöne war weiterhin schön. Vielleicht machte gerade das die Entscheidung so schwer.
Die Frage aus dem August war letztlich eine Frage der Gewichtung: Was ist mehr wert? Die eigene seelische Gesundheit oder das eigene Warum? Das, wofür man diesen Beruf gewählt hat und was einen immer noch erfüllt?
Dabei ist die Fragestellung eigentlich schon falsch. Denn warum sollte ausgerechnet eine Arbeit, die man liebt, das Recht haben, einen krank zu machen?
Wie viel darf man für etwas geben, das einem wichtig ist? Und wann wird aus Hingabe Selbstaufgabe?
Ich habe lange versucht, diese Fragen so zu beantworten, dass ich bleiben konnte.
Im September habe ich akzeptiert, dass die Antwort anders aussieht.
Ich habe mich für den unspektakulären Weg entschieden: Selbstfürsorge. Für eine Zeit, in der das Innere heilen kann. Auch wenn das zunächst bedeutet, eine Arbeit zu machen, die mich möglicherweise weniger erfüllt.
Nicht jeder berufliche Schritt muss ein Aufstieg sein. Manchmal ist er zunächst ein Schritt heraus. Und manchmal besteht Mut nicht darin, noch länger durchzuhalten, sondern darin, sich einzugestehen, dass Durchhalten keine Lösung mehr ist.
Das zu erkennen ist eine Sache. Es dann auch zu tun, eine andere.
Und es fühlt sich keineswegs durchgehend gut an.
Antizipatorische Trauer: Ich bin noch da und vermisse es schon
Das Merkwürdige ist: Ich trauere bereits.
Dabei bin ich noch gar nicht weg. Bis Ende Dezember werde ich weiterhin meine Dienste machen. Werde Menschen treffen, die ich mag, und eine Arbeit tun, die mir etwas bedeutet.
Und trotzdem liegt über vielem bereits der Abschied.
Manchmal denke ich bei einer ganz gewöhnlichen Situation daran, dass sie bald nicht mehr zu meinem Alltag gehören wird. Etwas, das acht Jahre lang selbstverständlich war, bekommt plötzlich ein Ablaufdatum.
Ich bin noch da, und ich vermisse es bereits.
In der Palliativmedizin nennt man das antizipatorische Trauer. Trauer, die beginnt, bevor der eigentliche Verlust eingetreten ist.
Ich kenne diesen Begriff seit Jahren. Ich habe ihn bei Angehörigen erlebt, die einen geliebten Menschen verlieren werden und schon trauern, obwohl dieser Mensch noch neben ihnen sitzt.
Natürlich ist der Abschied von einer beruflichen Tätigkeit nicht mit dem Verlust eines Menschen gleichzusetzen. Aber der Mechanismus hat etwas Vertrautes: Man weiß, dass etwas zu Ende geht, und versucht, die verbleibende Zeit gleichzeitig zu genießen und innerlich schon Abschied zu nehmen.
Eine merkwürdige Doppelbelastung.
Die Vernunft sagt, dass die Entscheidung richtig ist. Das Gefühl ist noch lange nicht so weit.
Und vielleicht muss es das auch nicht sein.
Ich darf etwas verlassen, das ich liebe. Ich darf darüber traurig sein. Und ich darf trotzdem wissen, dass ich gehen muss.
Diese drei Wahrheiten dürfen nebeneinander existieren, auch wenn sie nicht besonders gut zusammenpassen.
Malediven: Drei Wochen bis zur Langeweile
Drei Wochen nach der Kündigung war ich auf den Malediven.




Und dort passierte etwas, das mich beinahe mehr beeindruckte als die Landschaft: Mein Gehirn langweilte sich.
Nicht unangenehm. Nicht in der Form, dass ich verzweifelt nach Unterhaltung gesucht hätte.
Sondern einfach, weil plötzlich nichts mehr war, das ununterbrochen Aufmerksamkeit verlangte.
Ich bemerkte, dass in meinem Kopf wieder Platz entstand.
Ich habe das zunächst als positiven Befund verbucht. Ein gelangweiltes Gehirn ist jedenfalls in diesem Moment nicht mit all den Dingen beschäftigt, die vorher ständig darin herumkreisten. Es muss nicht jedes Problem lösen, nicht jedes mögliche Szenario durchspielen, nicht pausenlos auf etwas reagieren.
Natürlich lässt sich aus einem Urlaub keine vollständige Genesung ableiten. Aber ich spürte zum ersten Mal seit Langem eine deutliche Veränderung.
Drei Wochen.
Auf einer Intensivstation würde man so einen Verlauf erfreut zur Kenntnis nehmen und vorsichtshalber noch einmal nachmessen.
Ich fand vor allem bemerkenswert, wie schnell es ging.
Wie lange hatte ich geglaubt, bestimmte Zustände gehörten inzwischen einfach zu mir? Dass die ständige gedankliche Beschäftigung normal sei. Dass Erschöpfung eben dazugehöre, wenn man einen anspruchsvollen Beruf hat. Dass es vielleicht an mir liege, wenn ich manches nicht mehr so gut wegstecken konnte.
Und dann verändert man eine entscheidende Rahmenbedingung, und plötzlich geht es besser.
Nicht alles. Nicht sofort. Aber spürbar.
Ich bin Ärztin. Ich weiß, dass zeitliche Zusammenhänge nicht automatisch Kausalität beweisen. Trotzdem darf man einen klinisch eindrucksvollen Verlauf gelegentlich auch einfach zur Kenntnis nehmen.
Arbeitshypothese: Der Stressor war relevant.
Weiterbeobachtung empfohlen.
Sechs Bücher und die Rückkehr der Konzentration
Mit der Langeweile kamen die Bücher zurück.
Im August waren angefangene Bücher liegen geblieben. Sie waren nicht schlecht, mir hatte offenbar die innere Ruhe gefehlt, mich wirklich auf etwas einzulassen.
Ich konnte lesen. Aber manchmal war es eher das mechanische Erfassen von Wörtern als das Versinken in einer Geschichte.
Im September las ich sechs Bücher.
Sechs!
Das mag für andere keine bemerkenswerte Zahl sein. Für mich war es ein kleines Stück zurückgewonnenes Leben.
Denn Lesen bedeutet für mich nicht nur Unterhaltung. Es ist die Möglichkeit, für einige Stunden in eine andere Welt einzutauchen, andere Menschen zu verstehen, neue Gedanken zuzulassen. Und manchmal findet man in einem fremden Leben eine Antwort auf eine Frage, die man sich selbst noch nicht richtig gestellt hat.
Eine wundervolle Entdeckung war Min Jin Lees „Ein einfaches Leben“.
Ein Buch über Armut und sehr viel Liebe. Über Eltern, die den Sinn ihres Lebens in ihren Kindern finden. Über Opfer, Erwartungen und die Schwierigkeit, Gefühle zu zeigen. Vor allem die eigene Liebe.
Sie ist die ganze Zeit da.
Nur ausgesprochen wird sie nicht.
Mich berührt an solchen Geschichten, wie viel zwischen Menschen unausgesprochen bleibt. Wie oft Liebe in Handlungen steckt, die der andere möglicherweise nie als Liebeserklärung erkennt. Wie Menschen füreinander sorgen und gleichzeitig nicht wissen, wie sie einander erreichen sollen.
In der Bibliotherapie wäre dieses Buch für mich eine Empfehlung für Menschen, die nach ihrem eigenen Warum suchen. Die etwas verloren haben oder neu überlegen müssen, was ihrem Leben Bedeutung gibt.
Und auch bei Liebeskummer.
Das Buch kann nicht den Schmerz über einen verlorenen Menschen einfach verschwinden. Es erinnert daran, dass Liebe viele Formen hat. Dass das Leben größer ist als die eine Beziehung, die gerade zerbrochen ist. Und dass Sinn manchmal dort zu finden ist, wo man ihn gar nicht gesucht hat.
Für mich passte dieses Buch in einen September, in dem mein eigenes Warum gerade eine neue Richtung bekam.
Unbedingte Leseempfehlung.
Oktober: Die Sache mit der Sonne und dem Geld
Dann kam der Oktober.
Mit Vorstellungsgesprächen. Mehreren.
Mit durchaus interessanten Möglichkeiten. Mit Gesprächen, die Hoffnung machten. Mit Zusagen, die sich bei näherem Hinsehen als erstaunlich unverbindlich erwiesen.
Und ohne einen einzigen unterschriebenen Arbeitsvertrag.
Das ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man selbst bereits eine verbindliche Entscheidung getroffen hat und die andere Seite mit Verbindlichkeit noch ein wenig wartet.
Ab Januar brauche ich ein Einkommen.
Das ist keine besonders romantische Erkenntnis, aber eine wirtschaftlich durchaus relevante.
Und so kreisten meine Gedanken zwischen Plan A, B, C und D. Was mache ich, wenn ein Vertrag nicht zustande kommt? Wie viel Sicherheit brauche ich? Wie viel Unsicherheit darf ich mir erlauben? Welche Möglichkeiten habe ich, mit Geld, und welche ohne?
Ich hätte den Oktober gern ausschließlich mit großen Gedanken über Selbstbestimmung, berufliche Freiheit und neue Lebenswege verbracht.
Leider gibt es auch Rechnungen.
Meine Schweizer Berg-Wander-Freundin hat es auf ihre Art auf den Punkt gebracht:
„Jo, dia studiere nid, du chosch ja nüd nomma am Morgä luagge, ob d’Sunna schient. Sebb bringt kei Geld.“
Recht hat sie.
Leider.
Und natürlich weiß ich das alles. Ich habe lange genug gearbeitet, um zu wissen, dass finanzielle Unabhängigkeit eine wesentliche Voraussetzung für Selbstbestimmung ist.
Trotzdem ist es etwas anderes, das theoretisch zu wissen, als selbst vor einer offenen beruflichen Zukunft zu stehen.
Es ist erstaunlich, wie schnell die Freiheit, die man sich gerade erkämpft hat, wieder beunruhigend werden kann.
Noch erstaunlicher war allerdings, was dann geschah.
Eine Vision, die plötzlich alles veränderte
Irgendwann im Oktober verschwand die Sorge.
Über Nacht hatte ich eine unglaublich klare Vorstellung von meinem zukünftigen Ich.
Ich kann nicht genau erklären, wie das zustande kam. Es war auch keine jener vagen Ideen, die man am Abend großartig findet und am nächsten Morgen nicht mehr versteht.
Es war klar. Fast selbstverständlich.
Zum ersten Mal seit Langem dachte ich nicht nur darüber nach, wovon ich weg wollte, sondern darüber, wo ich eigentlich hin möchte.
Und das war ein großer Unterschied.
Eine Kündigung beendet zunächst etwas. Sie schafft Platz, aber sie sagt noch nichts darüber, womit dieser Platz gefüllt werden soll.
Vielleicht hatte ich in den vergangenen Monaten so viel Energie darauf verwendet, eine schwierige Situation auszuhalten und schließlich zu verlassen, dass für das Danach kaum Raum geblieben war.
Jetzt war dieser Raum plötzlich da.
Ich sah eine Möglichkeit, verschiedene Dinge miteinander zu verbinden, die mich schon lange beschäftigen. Nicht mehr als lose Interessen, die irgendwie nebeneinander existieren, sondern als etwas, das zusammengehören könnte.
Was genau ich gesehen habe, erzähle ich, wenn dieses zukünftige Ich in der Gegenwart angekommen ist.
Vorher nicht.
Man muss nicht jede Idee sofort aussprechen, nur weil sie einen begeistert. Manche dürfen erst einmal wachsen, bevor die Welt sie kommentiert.
Aber eines hat sich verändert: Ich blicke nicht mehr ausschließlich auf das, was ich verliere.
Ich bin neugierig geworden auf das, was kommt.
Hypnose: Eine andere Tür zur Schmerzbehandlung
Auch beruflich öffneten sich im Oktober Türen, mit denen ich nicht unbedingt gerechnet hatte.
Ohne dass ich dafür Werbung gemacht hätte, kamen mehrere Anfragen für Hypnosesitzungen.
Und ich merkte erneut, wie gern ich diese Arbeit mache.
Was mich daran fasziniert, ist die besondere Form der Aufmerksamkeit. Die Möglichkeit, Menschen dabei zu begleiten, eigene Ressourcen wahrzunehmen, innere Bilder zu nutzen und festgefahrene Muster möglicherweise zu verändern.
Zum ersten Mal werde ich Hypnosetherapie bei chronischen Schmerzen einsetzen.
Das beschäftigt mich besonders.
Als Anästhesistin kenne ich Schmerz vor allem aus einer medizinischen Perspektive, in der wir ihn möglichst zuverlässig ausschalten oder reduzieren wollen. Medikamente, Nervenblockaden, Anästhesieverfahren. Wir greifen in physiologische Prozesse ein, um Schmerzerleben zu verhindern oder zu lindern.
Bei chronischen Schmerzen ist die Situation oft wesentlich komplexer.
Schmerz ist nicht nur ein Signal aus einem Gewebe. Es ist eine Wahrnehmung, die durch Erfahrungen, Emotionen, Aufmerksamkeit und viele andere Faktoren beeinflusst wird.
Genau hier kann Hypnose eine zusätzliche Möglichkeit eröffnen. Nicht als Ersatz für notwendige medizinische Diagnostik und Behandlung. Und schon gar nicht als Versprechen, jeden Schmerz verschwinden zu lassen.
Aber als ergänzender Weg, das Schmerzerleben zu beeinflussen, Belastung zu vermindern und möglicherweise wieder mehr Selbstwirksamkeit zu erleben.
Die Anästhesistin in mir kennt Schmerz vor allem als etwas, das man ausschaltet.
Das hier ist die andere Tür.
Und ich freue mich darauf, sie weiter zu öffnen.
Auch palliativmedizinisch gab es im Oktober einiges zu denken. Begegnungen und Themen, die mich daran erinnert haben, wie sehr mich dieser Bereich der Medizin erfüllt.
Vielleicht fällt es leichter, das eigene berufliche Warum zu erkennen, wenn man nicht mehr versucht, es ausschließlich an einem einzigen Arbeitsplatz festzuhalten.
Platz: Was bleibt, wenn man etwas loslässt?
Wenn ich auf September und Oktober zurückblicke, fällt mir auf, dass ich zunächst vor allem eines wollte: weniger.
Weniger Belastung. Weniger Grübeln. Weniger von dem Gefühl, mich ständig gegen etwas behaupten zu müssen.
Ich hatte gar keinen großen Plan für mehr.
Und nun merke ich, dass genau dieses Weniger wieder Platz für mehr geschaffen hat.
Für Bücher. Für Gedanken, die nicht nur um Probleme kreisen. Für neue berufliche Möglichkeiten. Für Menschen. Für eine Vorstellung davon, wie ich in Zukunft arbeiten und leben möchte.
Das Ende meiner Luftrettungstätigkeit steht bevor, und ich bin immer noch traurig.
Vermutlich werde ich es auch Ende Dezember sein. Vielleicht sogar noch lange darüber hinaus.
Acht Jahre lassen sich nicht einfach abschütteln. Und ich möchte sie auch gar nicht abschütteln. Sie gehören zu mir. Zu meiner beruflichen und menschlichen Identität, zu meinen Erfahrungen und zu vielen Erinnerungen, die ich nicht missen möchte.
Aber ich beginne zu verstehen, dass mein berufliches Warum nicht nur an einen Helikopter gebunden ist.
Es geht mir darum, Menschen in schwierigen Situationen etwas geben zu können, das für sie tatsächlich einen Unterschied macht.
Manchmal ist das medizinische Versorgung in einem akuten Notfall.
Manchmal ist es die Linderung chronischer Schmerzen. Manchmal das Gespräch über eine Patientenverfügung, in dem ein Mensch zum ersten Mal wirklich darüber nachdenkt, wie er am Ende seines Lebens behandelt werden möchte. Was ihm wichtig ist. Welche Entscheidungen er selbst treffen will, solange er sie treffen kann.
Und manchmal ist es Palliativmedizin. Nicht mehr alles medizinisch Machbare zu tun, sondern gemeinsam herauszufinden, was für diesen einen Menschen noch sinnvoll und gut ist.
Die Tätigkeiten sind verschieden. Der Kern ist derselbe.
Vielleicht habe ich eine Zeit lang die Form mit dem Inhalt verwechselt.
Die Luftrettung war eine wunderbare Form, mein Warum zu leben.
Aber nicht die einzige.
Das zu begreifen nimmt dem Abschied nicht seinen Schmerz. Es macht ihn jedoch etwas leichter.
Remission ist nicht Heilung
In der Medizin bedeutet Remission, dass Symptome einer Erkrankung deutlich zurückgehen oder zeitweise verschwinden. Es ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Heilung.
Ich habe eine belastende Situation nicht vollständig hinter mir gelassen. Die letzten Dienste liegen noch vor mir. Die berufliche Zukunft ist in vielen Einzelheiten ungeklärt. Und die Trauer um das, was ich aufgebe, ist nach wie vor da.
Aber etwas hat sich gebessert.
Ich kann mich wieder auf Bücher konzentrieren. Mein Gehirn erlaubt sich Langeweile. Ich entwickle Ideen, statt ausschließlich über Probleme nachzudenken. Ich freue mich auf berufliche Aufgaben, die noch gar nicht richtig begonnen haben.
Und ich spüre wieder, dass mein Leben größer ist als die Arbeit, selbst wenn ich diese Arbeit sehr liebe.
Es ist ein Zwischenzustand. Noch kein neuer Anfang, aber auch nicht mehr das Alte.
Irgendwo zwischen Trauer, Langeweile, sechs Büchern, fehlenden Arbeitsverträgen und einer ziemlich klaren Vision ist etwas zurückgekehrt, das ich lange vermisst hatte:
Zuversicht.
September und Oktober in Zahlen
- 6 Bücher im September gelesen
- 1 Kündigung nach acht Jahren Luftrettung
- 3 Wochen bis zu einem erfreulich gelangweilten Gehirn
- 3 Vorstellungsgespräche im Oktober
- 0 unterschriebene Arbeitsverträge
- 3 Hypnoseanfragen, ganz ohne Werbung
- 1 neue Perspektive, deren Einzelheiten noch ein Geheimnis bleiben
- Sehr viele Gedanken über Abschied, Selbstfürsorge und das eigene Warum
- 1 Blogartikel im September
- 1 Blogartikel im Oktober
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. — Rainer Maria Rilke, „Herbsttag“
Dir Gefällt, was du liest? Mehr davon gibts in meinem Newsletter
WochenEndMomentum ist für Menschen, die gerne gute Newsletter lesen. Er kommt immer samstags rechtzeitig zum ersten Kaffee

